Tut Glück dem Menschen gut?

Tut Glück dem Menschen gut? Ich habe diese Frage in letzter Zeit vielen Menschen gestellt und sie haben sie alle ohne Zögern mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Doch was haben sie da genau bejaht? Lässt man sich die Frage einmal länger durch den Kopf gehen, steht man plötzlich vor dem Problem, dass man eine Frage vor sich hat, die simpel anmutet, im Grunde jedoch viel zu komplex ist, als dass man sie mit einem schlichten „Ja“ beantworten könnte.

Denn was ist Glück? Glück ist ein positives Zufallsereignis. Es ist etwas, das uns geschieht, wenn man so will, etwas, das uns einfach so in den Schoß fällt. Wir müssen dafür nichts tun, es passiert uns. Ob es uns gut tut? Zumindest schadet es uns nicht.

Doch Glück allein macht nicht glücklich. Wo genau liegt der Unterschied zwischen Glück haben und Glücklichsein? Während Glück vom Zufall bestimmt ist, liegt das Glücklichsein ganz allein bei uns. Das Individuum ist „seines Glückes Schmied“, wobei Glück in diesem Falle abkürzend für Glücklichsein steht. Anders kann es ja auch nicht gemeint sein: Wie will man am Zufall formen? Ob wir jedoch glücklich sind oder nicht, liegt größtenteils an unserem Willen. Wer nicht glücklich sein will, der wird es auch nicht sein. Glückseligkeit wird nicht in kleinen Päckchen mit Geschenkpapier verteilt. Wir können sie nicht auspacken, ins Regal stellen und uns ihrer bedienen, wann immer uns danach ist. Und das aus einem einfachen Grund: Glückseligkeit kann man nicht besitzen und schon gar nicht für immer. Man kann sie fühlen - für einen Augenblick. Denn das ist Glückseligkeit: Ein vollkommener Augenblick, dem es an nichts fehlt und der uns durch und durch erfüllt. Wenn wir diesem Augenblick zurufen wollen „Verweile doch! Du bist so schön“ (Goethe; Faust), dann sind wir glücklich. So müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass es für Glückseligkeit keinen Dauer-Vertrag gibt. Sie ist ein Gefühl und keine Formel, ein Augenblick und kein Zustand.
Das, was man als glücklichen Zustand bezeichnet, beschreibt mehr Zufriedenheit als Glücklichsein. Wer zufrieden ist, erfreut sich an dem, was er hat und will nichts weiter. Aber von Zufriedenheit soll hier nicht die Rede sein.

Doch was meint dieses Glück in der zugrunde liegenden Frage? Geht es um das Glück, das uns durch Zufall zuteil wird? Erst einmal ist festzuhalten, dass wir nicht beeinflussen können, ob wir Glück haben oder nicht. Der Zufall mischt die Karten und wir spielen. Was jedoch in unserer Macht liegt, ist, das Beste aus unserem Glück zu machen. Wer beispielsweise das Glück hat, einen schweren Unfall zu überleben und beschließt, etwas daraus zu machen, nämlich das Leben von nun an voll und ganz auszukosten, kann sagen: „Mir tut Glück gut!“
Doch diejenigen, die immer Glück haben, es aber nicht zu nutzen wissen, verfallen in Nachlässigkeit. Wer zum Beispiel zeitlebens das Glück hatte, nie beim Pfuschen erwischt zu werden, glaubt, er müsse für gute Noten nicht lernen und fällt in Passivität. Und in diesem Falle tut Glück dem Menschen nicht gut, denn es hat Stillstand und Gleichgültigkeit zur Folge.

Wiederum eine andere Sache ist es, wenn Glück im Sinne von Glücklichsein gemeint ist. Da Glücklichsein ein Augenblick ist, in dem man sich gut und vollkommen fühlt, in dem das ganze Dasein einen Sinn zu haben scheint, ist die Antwort bereits in der Definition des Wortes gegeben: Ja, Glück (im Sinne von Glückseligkeit) tut dem Menschen gut. Aber das setzt voraus, dass der Mensch akzeptieren kann, dass Augenblicke verfliegen und ihnen nicht hinterherrennt, sondern nach neuen greift.
So können sich in einer Beziehung eine Vielzahl von „faustischen Augenblicken“ anhäufen. Doch eines Tages trennen sich womöglich die Wege und die schönen Augenblicke verfliegen. Und dann sollte man eben irgendwann nach vorne blicken und nach neuem Glück streben.

Hier stellt sich auch die Frage, ob das Streben nach Glück (im Sinne von Glücklichsein, denn nach Zufällen kann man unmöglich streben) dem Menschen gut tut. Natürlich ist dieses Streben eine Voraussetzung um auch wirklich glücklich zu sein, denn nur wer will, kann dieses Gefühl auch spüren. Und wer dafür kämpft, kann es sich erobern. Die Amerikaner haben das Streben nach Glück (Pursuit of Happiness) sogar in ihrer Unabhängigkeitserklärung verankert. Und natürlich tut es dem Menschen gut, wenn er aktiv sein kann und auch sein soll. Doch wie immer im Leben, gilt es, das richtige Maß zu nehmen. Wer verbissen nach seinem Glück strebt, erkennt es vielleicht gar nicht ... Wir sind auf der Suche nach etwas Großem und vergessen dabei, dass wir das Große stets nur im Kleinen erahnen können: die große Liebe in einem kleinen Kuss, den Sommer in einem Sonnenstrahl, der morgens unsere Nase kitzelt, die wahre Freundschaft in kleinen Gesten ...

Tut Glück dem Menschen gut? Diese Frage kann nur in Abhängigkeit zum Menschen beantwortet werden, genauer gesagt, ist die Antwort vom Individuum abhängig. Derjenige, der das Glück (in welcher Form auch immer) zu schätzen weiß und damit umgehen kann, gehört zu den Glücklichen, denen Glück gut tut.

8.1.09 19:43

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