Im Fegefeuer

Sie drückte das Gaspedal durch. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad so fest sie konnten. Ihr Herz raste mit ihrem Auto um die Wette. Tränen füllten ihre Augen, rannen über ihre Wangen. Sie konnte die Straße kaum noch sehen. Wozu auch? Sie hätte nichts dagegen, wenn sie aus der nächsten Kurve flöge, gegen den nächsten Baum führe oder den Gegenverkehr aufmischte. Sie konnte einfach nicht glauben, was sie da eben gesehen hatte. Sie wurde betrogen! Auf offener Straße!

Er beugt sich zu dieser Brünette hinunter, legt einen Arm um sie und mit der freien Hand hebt er ihr Kinn an. Sie sehen sich an, dann legt er seine Lippen auf die ihren und … Oh, wie demütigend! Sie will zu den beiden hin rennen, ihr eine deftige Ohrfeige geben und ihm zwischen die Beine treten. Doch stattdessen steht sie reglos da bis die beiden Hand in Hand in einem Café verschwinden. Sie will hinterher gehen, heißen Kaffee ins Gesicht dieser erbärmlichen Kuh schütten und ihrem Freund eine Szene machen, die er niemals mehr vergessen soll. Doch sie kehrt schluchzend zum Auto zurück.

Sie schnitt die Kurven, missachtete jegliche Geschwindigkeitsbegrenzungen und ignorierte das Gehupe der Autos, denen sie die Vorfahrt nahm. Ihre Füße zitterten, sodass sie das Gaspedal kaum halten konnte. Und wenn sie das Lenkrad nicht so fest umklammern würde, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, hätten auch ihre Hände gezittert. Ihre Lippen bebten. Wenn sie diese Fahrt überlebte, dann würde jemand anderes für sie sterben! Wie konnte er ihr das antun? Sie würde ihn ans Bett fesseln, ihm Benzin überkippen und ein Feuerzeug in die Luft halten, während sie ihn zwingen würde, alles zu gestehen und mehr noch alles zu bereuen. Um Gnade sollte er flehen und glauben, dass sie ihm verzeihen könnte. Sie würde sich das alles anhören und dann … dann soll Gott entscheiden, was mit ihm passiert und bis dahin soll er doch im Fegefeuer schmorren!
Und diese Schlampe? Sie würde herausfinden, wer sie war und wo sie wohnte und dann soll sie niemals wieder glücklich werden! Eine Briefbombe wäre vielleicht ein guter Anfang. Wozu hatte sie denn Chemie Leistungskurs gehabt und wozu gab es denn das Internet?

Es tat so weh, als wütete ein Ungeheuer in ihrem Innersten. Wieso bloß? Vielleicht könnte sie sich beruhigen, wenn sie es verstünde. Aber sie dachte immer, ihre Beziehung sei glücklich. Nächsten Monat wären sie sechs Jahre zusammen gewesen. Er war ihre erste Liebe und sie hatte nicht ein einziges Mal das Gefühl gehabt, irgendetwas zu verpassen. Er hatte ihr alles gegeben, was sie brauchte und was sie wollte. Und war es umgekehrt denn nicht genauso? Anscheinend nicht! Sie war ihm nicht genug! Was hatte diese Andere, was sie nicht hatte? Und wie lange lief das schon?!

Sie wollte sterben. Was hatte denn das Leben für einen Sinn, wenn ohnehin alles Lüge war? Wenn man nicht einmal dem Menschen vertrauen kann, den man liebt? Wenn in einer Sekunde alles weg ist, woran man ein ganzes Leben lang geglaubt hatte? Sie hatte geglaubt, sie sei liebenswert und besonders – eben eine Frau, die geliebt und vergöttert, aber niemals betrogen wird. Oh, wie konnte sie bloß so naiv sein!

Wieso ist sie bloß in die Stadt gefahren? Ihre Freundin hatte doch noch angeboten, ihr das Buch aus der Bibliothek mitzubringen! Aber nein, sie musste ja unbedingt selber fahren, weil sie auch noch nach einem Geburtstagsgeschenk für ihren Freund schauen wollte. Freund. Sie hatte keinen mehr. Sie hatte nur noch einen Ex-Freund, aber der wird nicht mehr lange leben! Sie würde das Ungeheuer, das jetzt noch in ihr wütete, freilassen und auf ihn hetzen.

Sie war so in Gedanken, dass sie an ihrer Wohnanlage vorbeifuhr. Als sie es bemerkte, machte sie eine Vollbremsunng. Wie von weiter Ferne hörte sie quitschende Reifen und hupende Autos. Sie wendete, blickte flüchtig in zornige Gesichter, parkte vor der Wohnanlage, stieg aus und warf die Tür mit voller Wucht zu. Ohne abzuschließen rannte sie hinein, wartete nicht auf den Aufzug, sondern stieg, immer zwei Stufen nehmend die Treppe bis in den fünften Stock hinauf. Sie zitterte noch immer am ganzen Leib, sodass sie Schwierigkeiten hatte mit dem Schlüssel das Schlüsselloch zu treffen. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte sie es, warf die Tür hinter sich zu und ließ sich ins Bett fallen. Sie schluchzte, vergrub ihr Gesicht im Kissen und wünschte, zu ersticken. Dieser Schmerz war unerträglich! Was hatte sie bloß getan, dass sie solch Leid verdiente? Und warum hörte es nicht auf? Wann würde endlich die Erde mit ihr und all den anderen verlogenen Menschen untergehen?
Nach einigen Stunden schlief sie vor Erschöpfung ein.

Sie träumte von ihm. Und von ihr.
Die beiden haben den Kaffee nicht angerührt, stattdessen berühren sie sich gegenseitig immerzu. Dann nimmt er ihre Hand und sie gehen auf Toilette, er drückt sie gegen die Wand, schiebt den Saum ihres Rockes langsam hoch … Sie steht da und beobachtet alles. Die beiden bemerken sie, doch es macht ihnen nichts aus. Er ignoriert sie und diese Brünette lacht ihr über seine Schulter direkt ins Gesicht … Plötzlich hält sie ein Messer in der Hand. Sie fragt sich nicht, woher es kommt, sie umschließt den Griff fest mit ihren zarten Händen und …

Es klingelte. Sie rieb sich die Augen. Sie waren verquollen. Sie blickte auf ihre rechte Hand. Kein Messer … es war also nur ein Traum. War etwa alles nur ein Traum? Ein böser Traum? Nein, nicht alles. Die Bilder von den beiden standen ihr wieder lebhaft vor Augen … er … sie … vor dem Café …Es klingelte wieder. Sie rappelte sich mühsam auf, schlurfte zur Tür und öffnete sie.
„Hallo Schatz … ähm, wieso hast du Jacke und Schuhe an? Wolltest du noch weg?“
Er lächelte sie an.
Sie starrte ihn an.
„Hast du ein Gespenst gesehen? Ich bin es nur, dein Freund“, sagte er grinsend und ging an ihr vorbei in die Wohnung. Sie schloss die Tür langsam.
„Bist du krank? Du siehst ein wenig mitgenommen aus.“ Er warf seine Jacke aufs Bett und drehte sich wieder zu ihr um.
„Hm, ich glaube, du bist wirklich krank. So ungesprächig bist du sonst nicht“, sagte er, zog sie zu sich heran und nahm sie in den Arm. „Aber jetzt bin ich ja da. Ich pflege dich und alles wird gut!“
Sie drückte ihr Gesicht in seine Brust, Tränen mündeten in seinem Baumwollpullover.
„Ja“, murmelte sie, „alles wird gut.“
Wie konnte eine solch warme Umarmung lügen? Vielleicht hatte sie ja auf der Straße jemand anderes gesehen und alles war nur eine böse Verwechslung. Ja, so wird es gewesen sein …

22.12.08 12:18

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