Der Tag ist noch so lang

Sie stand am Fenster, eingewickelt in einem roten Handtuch, und schaute zu ihrem Mann herab, der zu ihr hochwinkte, bevor er in seinen 3er BMW stieg und davonfuhr. Sie stand noch eine Weile da, blickte auf die menschenleere Straße und dachte an Manuel, ihren liebevollen Mann, der soeben zur Arbeit gefahren ist.
Er ist so gut. Wie viele Herzen wird er heute wieder reparieren? Damals ... da war er noch ein Medizinstudent mit einer viel zu großen Brille auf seiner langen Nase ... und heute ist er ein angesehener Herzchirurg. Und er trägt Kontaktlinsen. Er hat sich gut gemacht ... Und wie lieb er heute morgen wieder war! Die schönste Rose hat er aus unserem Garten gepflückt und mit der Blüte zärtlich über meine Wange gestrichen. So wird man nicht jeden Morgen geweckt ... Ich glaube, er liebt mich nach all den Jahren immer noch wie am ersten Tag. Ich sollte ihm heute etwas besonders Leckeres kochen. Vielleicht Sauerbraten, den mag er so sehr ... Nein, heute lieber etwas Einfaches. Nudelauflauf isst er auch sehr gern ...

Sie schaute auf die Uhr. In frühestens zehn Stunden würde Manuel Heim kommen, erschöpft von der Arbeit und genervt von den Kollegen.
Auf Zehenspitzen tippelte sie ins Schlafzimmer, nahm die Rose, die noch auf dem Bett lag, ging damit in die Küche und stellte sie in eine Vase. Liebevoll betrachtete sie die Blume.
Bei unserer allerersten Verabredung hat er mir eine weiße Rose geschenkt ... Ein Symbol für Krieg. Aber das wusste er nicht und als ich es ihm sagte, war ihm das sehr peinlich. Er rannte aus dem Café und stürmte den Blumenladen um die Ecke. Einen großen Strauß roter Rosen brachte er mit. Ich hielt ihn für volkommen verrückt und sagte ihm das auch. Wir haben viel gelacht über diese Aktion - auch später noch.
Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, sie schüttelte kurz den Kopf, als wolle sie eine Fliege vertreiben, wandte sich von der Rose ab, ging wieder ins Schlafzimmer und öffnete den Kleiderschrank.
Heute ist ein besonderer Tag, da sollte ich was Hübsches anziehen ...
Sie streifte das Handtuch ab, zog sich ihr Lieblingdessou an und darüber ein weißes Sommerkleid.
Manuel meinte einmal, dass ich in diesem Kleid wie ein Engel aussehe...

Sie tippelte wieder in die Küche und machte den Auflauf. Sie hatte ein wenig Angst, ihr weißes Kleid zu bekleckern ... Aber während ihrer Ehe ist sie zu einer ganz guten Köchin geworden. Und eine gute Köchin bekleckert sich nicht ... Sie schaute auf die Uhr ... noch mindestens acht Stunden ... Sie deckte den fertigen Auflauf ab und tänzelte ins Wohnzimmer, nahm im Vorbeigehen aus einem Regal Block und Kugelschreiber und setzte sich auf die Couch. Sie schrieb: Mein lieber Manuel, der Tag ist noch so lang und viele Tage sind noch länger. Du bist ein toller Mann, der tollste, der mir je begegnet ist. Es liegt nicht an dir, dass ich dich nun verlasse. Sei nicht traurig, es war eine schöne Zeit. Ich habe dir Nudelauflauf gemacht. Lass es dir schmecken. Alles Liebe, dein Engel

Sie legte den Block auf den Küchentisch, direkt neben die Rose, nahm den Haustürschlüssel aus dem Bund und legte ihn dazu.
Ohne sich noch einmal umzusehen und alle Habseligkeiten zurücklassend, verließ sie das Haus.

3.7.08 11:47

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(17.5.09 12:53)
Hallo
ja so ist das wahre leben ich habe es so ähnlich getan