Der Wandel der Zeit

Es ist erstaunlich. Das Leben im Allgemeinen und der Wandel der Zeit im Speziellen.

Früher erfreute man sich sonntags an einem Ausflug ins Grüne, spannte den Sonenschirm auf, breitete eine Decke aus und las Tolstoi oder Goethe. Zugegeben, ich rede von sehr viel früher.

Heute ist der Sonntag immer noch ein besonderer Tag und wird reichlich gewürdigt. Doch statt ins Grüne zu fahren, besucht man Mc Donald's. Der Papa lädt Frau und Kind zu Hamburger und Nuggets ein und die ganze Familie ist rundum glücklich, während sie sich vollstopfen und auf großen Flachbildschirmen irgendwelche Fernsehsendungen anschauen. Kommunikation untereinander ist überflüssig und wird daher übergangen. Tolstoi halten sie für den Namen eines Pokemons und Goethe für den amtierenden Bundespräsidenten.

Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war ... Aber es war anders. Und vielleicht, so überlege ich manchmal, war es "echter".

"Meine Privatsphäre geht den Staat nichts an, aber die ganze Welt!""

Diese Welt ist paradox, daher ist es wohl logisch, dass wir, die wir in dieser paradoxen Welt leben auch paradox handeln und denken - oder?

Ist es einmal jemandem aufgefallen, dass all diejenigen, die am lautesten FÜR Datenschutz plädieren, ihre Daten überall im Internet herumposaunen?

In Netzwerken wie facebook, wkw oder studivz geben sie Wohnort, Telefonnummer und politische Neigungen an. Über Twitter teilen sie der ganzen Welt mit, wann sie aufstehen, Kaffee trinken, Sex haben, lachen, furzen, kotzen, lesen, wen sie wählen - nämlich die Piraten, denn Datenschutz steht bei denen ganz oben! - und wann sie schlafen gehen.

Diese Menschen empören sich darüber, dass der Staat sie überwachen will, teils schon überwacht ... aber sie selbst geben ALLES preis, ihr Innerstes, ihr Äußerstes ... und am Schlimmsten: das Innerste und Äußerste ihrer Mitmenschen. So steht zum Beispiel allzu oft in öffentlichen Profilen: Max Mustermann, ich liebe dich über alles. Du bist der Geilste! Oder eben: Lisa Musterfrau, du bist ne Schlampe! Oder oder oder.

Wenn ich Lust hätte, könnte ich über eine Person, die ich nie gesehen habe, ein Lebensprofil erstellen. Mit Wohnort, Telefonnummer, Job (und Einstellung zu Kollegen und Chefs), Hobbies, Ess- und Trinkgewohnheiten, Krankheitsverläufen und Tagesabläufen. Ich wüsste, wann sie wo einkauft und auch was, auf welchen Internetseiten sie rumstöbert und und und. Und ich wüsste auch, dass genau DIESE Person lauthals aufschreit, wenn sie das Wort Vorratsdatenspeicherung oder Videoüberwachung hört.

Es ist so paradox, wie jemand der gegen Krieg und für Frieden plädiert und gleichzeitig Kinder missbraucht und seinen Nachbarn tötet.

Bürokratie und Paradoxie

Bürokratie. Seit über einem Monat ist meine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen. Vor ungefähr vier Monaten beantragte ich die Verlängerung. Es mag Fälle geben, die umstritten sind, viel Überlegungszeit brauchen und sich ziehen ... aber bei mir ist es so: Ich lebe hier seit 15 Jahren, hatte Deutsch LK, ein 1,7 Abitur und bin für Germanistik an der Uni Mainz zugelassen. Man sollte meinen, dass die Sache klar ist.

Nach 3 Monaten rufe ich an und erfahre, dass mein Foto nicht passabel ist. Allerdings kam niemand auf die Idee, mir das mitzuteilen ... erst ein Anruf meinerseits bringt dies zu Tage. Ok, seis drum. Ich schicke ein Neues und es ist ok und man verspricht mir, dass die Sache nur noch 2 Wochen dauert. Ein weiterer Monat vergeht und ich rufe wieder an und beiläufig erzählt man mir, dass noch eine Schul- bzw Studienbescheinigung fehle. Ok, mein Fehler! Aber: Hätte man mir das nicht auch nach 3 Monaten bei meinem Anruf vor einem Monat sagen können? Oder zumindest sobald man dies bemerkte? Nein. Das wäre ja zu viel unbezahlte Arbeit. Es gibt Menschen, die jedes Vorurteil bestätigen. Und derartige Beamte, bestätigen nun einmal jedes Vorurteil gegen Beamte. Zumal ich um halb neun anrief und der gute Herr so klang, als weckte ich ihn soeben aus dem Tiefschlaf.

Ich bin gespannt. Und zwar darauf, welche Unterlagen noch fehlen, wenn ich in einem Monat wieder anrufe, um zu fragen, wo die versprochene Aufenthaltsgenehmigung bleibe. Am Ende bin ich vielleicht so genervt, dass ich mich selbst abschiebe.

Gut und schön. So viel zur Bürokratie, nun zur Paradoxie. Ich brauche für meinen Nebenjob ein Führungszeugnis. Dieses, so steht es zumindest auf der Seite des Bundesjustizamtes, müsse man persönlich bei der örtlichen Meldebehörde beantragen. Nun bin ich nicht vor Ort und so fragte jemand für mich, ob er es nicht für mich beantragen könne. Und siehe da: Es geht! Ein "Fremder" beantragt MEIN Führungszeugnis und sie schicken es an meine neue Adresse, auf die ich allerdings noch nicht einmal gemeldet bin. So viel zu Datenschutz.

Und soviel zu Bürokratie und Paradoxie.

Tut Glück dem Menschen gut?

Tut Glück dem Menschen gut? Ich habe diese Frage in letzter Zeit vielen Menschen gestellt und sie haben sie alle ohne Zögern mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Doch was haben sie da genau bejaht? Lässt man sich die Frage einmal länger durch den Kopf gehen, steht man plötzlich vor dem Problem, dass man eine Frage vor sich hat, die simpel anmutet, im Grunde jedoch viel zu komplex ist, als dass man sie mit einem schlichten „Ja“ beantworten könnte.

Denn was ist Glück? Glück ist ein positives Zufallsereignis. Es ist etwas, das uns geschieht, wenn man so will, etwas, das uns einfach so in den Schoß fällt. Wir müssen dafür nichts tun, es passiert uns. Ob es uns gut tut? Zumindest schadet es uns nicht.

Doch Glück allein macht nicht glücklich. Wo genau liegt der Unterschied zwischen Glück haben und Glücklichsein? Während Glück vom Zufall bestimmt ist, liegt das Glücklichsein ganz allein bei uns. Das Individuum ist „seines Glückes Schmied“, wobei Glück in diesem Falle abkürzend für Glücklichsein steht. Anders kann es ja auch nicht gemeint sein: Wie will man am Zufall formen? Ob wir jedoch glücklich sind oder nicht, liegt größtenteils an unserem Willen. Wer nicht glücklich sein will, der wird es auch nicht sein. Glückseligkeit wird nicht in kleinen Päckchen mit Geschenkpapier verteilt. Wir können sie nicht auspacken, ins Regal stellen und uns ihrer bedienen, wann immer uns danach ist. Und das aus einem einfachen Grund: Glückseligkeit kann man nicht besitzen und schon gar nicht für immer. Man kann sie fühlen - für einen Augenblick. Denn das ist Glückseligkeit: Ein vollkommener Augenblick, dem es an nichts fehlt und der uns durch und durch erfüllt. Wenn wir diesem Augenblick zurufen wollen „Verweile doch! Du bist so schön“ (Goethe; Faust), dann sind wir glücklich. So müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass es für Glückseligkeit keinen Dauer-Vertrag gibt. Sie ist ein Gefühl und keine Formel, ein Augenblick und kein Zustand.
Das, was man als glücklichen Zustand bezeichnet, beschreibt mehr Zufriedenheit als Glücklichsein. Wer zufrieden ist, erfreut sich an dem, was er hat und will nichts weiter. Aber von Zufriedenheit soll hier nicht die Rede sein.

Doch was meint dieses Glück in der zugrunde liegenden Frage? Geht es um das Glück, das uns durch Zufall zuteil wird? Erst einmal ist festzuhalten, dass wir nicht beeinflussen können, ob wir Glück haben oder nicht. Der Zufall mischt die Karten und wir spielen. Was jedoch in unserer Macht liegt, ist, das Beste aus unserem Glück zu machen. Wer beispielsweise das Glück hat, einen schweren Unfall zu überleben und beschließt, etwas daraus zu machen, nämlich das Leben von nun an voll und ganz auszukosten, kann sagen: „Mir tut Glück gut!“
Doch diejenigen, die immer Glück haben, es aber nicht zu nutzen wissen, verfallen in Nachlässigkeit. Wer zum Beispiel zeitlebens das Glück hatte, nie beim Pfuschen erwischt zu werden, glaubt, er müsse für gute Noten nicht lernen und fällt in Passivität. Und in diesem Falle tut Glück dem Menschen nicht gut, denn es hat Stillstand und Gleichgültigkeit zur Folge.

Wiederum eine andere Sache ist es, wenn Glück im Sinne von Glücklichsein gemeint ist. Da Glücklichsein ein Augenblick ist, in dem man sich gut und vollkommen fühlt, in dem das ganze Dasein einen Sinn zu haben scheint, ist die Antwort bereits in der Definition des Wortes gegeben: Ja, Glück (im Sinne von Glückseligkeit) tut dem Menschen gut. Aber das setzt voraus, dass der Mensch akzeptieren kann, dass Augenblicke verfliegen und ihnen nicht hinterherrennt, sondern nach neuen greift.
So können sich in einer Beziehung eine Vielzahl von „faustischen Augenblicken“ anhäufen. Doch eines Tages trennen sich womöglich die Wege und die schönen Augenblicke verfliegen. Und dann sollte man eben irgendwann nach vorne blicken und nach neuem Glück streben.

Hier stellt sich auch die Frage, ob das Streben nach Glück (im Sinne von Glücklichsein, denn nach Zufällen kann man unmöglich streben) dem Menschen gut tut. Natürlich ist dieses Streben eine Voraussetzung um auch wirklich glücklich zu sein, denn nur wer will, kann dieses Gefühl auch spüren. Und wer dafür kämpft, kann es sich erobern. Die Amerikaner haben das Streben nach Glück (Pursuit of Happiness) sogar in ihrer Unabhängigkeitserklärung verankert. Und natürlich tut es dem Menschen gut, wenn er aktiv sein kann und auch sein soll. Doch wie immer im Leben, gilt es, das richtige Maß zu nehmen. Wer verbissen nach seinem Glück strebt, erkennt es vielleicht gar nicht ... Wir sind auf der Suche nach etwas Großem und vergessen dabei, dass wir das Große stets nur im Kleinen erahnen können: die große Liebe in einem kleinen Kuss, den Sommer in einem Sonnenstrahl, der morgens unsere Nase kitzelt, die wahre Freundschaft in kleinen Gesten ...

Tut Glück dem Menschen gut? Diese Frage kann nur in Abhängigkeit zum Menschen beantwortet werden, genauer gesagt, ist die Antwort vom Individuum abhängig. Derjenige, der das Glück (in welcher Form auch immer) zu schätzen weiß und damit umgehen kann, gehört zu den Glücklichen, denen Glück gut tut.

Im Fegefeuer

Sie drückte das Gaspedal durch. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad so fest sie konnten. Ihr Herz raste mit ihrem Auto um die Wette. Tränen füllten ihre Augen, rannen über ihre Wangen. Sie konnte die Straße kaum noch sehen. Wozu auch? Sie hätte nichts dagegen, wenn sie aus der nächsten Kurve flöge, gegen den nächsten Baum führe oder den Gegenverkehr aufmischte. Sie konnte einfach nicht glauben, was sie da eben gesehen hatte. Sie wurde betrogen! Auf offener Straße!

Er beugt sich zu dieser Brünette hinunter, legt einen Arm um sie und mit der freien Hand hebt er ihr Kinn an. Sie sehen sich an, dann legt er seine Lippen auf die ihren und … Oh, wie demütigend! Sie will zu den beiden hin rennen, ihr eine deftige Ohrfeige geben und ihm zwischen die Beine treten. Doch stattdessen steht sie reglos da bis die beiden Hand in Hand in einem Café verschwinden. Sie will hinterher gehen, heißen Kaffee ins Gesicht dieser erbärmlichen Kuh schütten und ihrem Freund eine Szene machen, die er niemals mehr vergessen soll. Doch sie kehrt schluchzend zum Auto zurück.

Sie schnitt die Kurven, missachtete jegliche Geschwindigkeitsbegrenzungen und ignorierte das Gehupe der Autos, denen sie die Vorfahrt nahm. Ihre Füße zitterten, sodass sie das Gaspedal kaum halten konnte. Und wenn sie das Lenkrad nicht so fest umklammern würde, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, hätten auch ihre Hände gezittert. Ihre Lippen bebten. Wenn sie diese Fahrt überlebte, dann würde jemand anderes für sie sterben! Wie konnte er ihr das antun? Sie würde ihn ans Bett fesseln, ihm Benzin überkippen und ein Feuerzeug in die Luft halten, während sie ihn zwingen würde, alles zu gestehen und mehr noch alles zu bereuen. Um Gnade sollte er flehen und glauben, dass sie ihm verzeihen könnte. Sie würde sich das alles anhören und dann … dann soll Gott entscheiden, was mit ihm passiert und bis dahin soll er doch im Fegefeuer schmorren!
Und diese Schlampe? Sie würde herausfinden, wer sie war und wo sie wohnte und dann soll sie niemals wieder glücklich werden! Eine Briefbombe wäre vielleicht ein guter Anfang. Wozu hatte sie denn Chemie Leistungskurs gehabt und wozu gab es denn das Internet?

Es tat so weh, als wütete ein Ungeheuer in ihrem Innersten. Wieso bloß? Vielleicht könnte sie sich beruhigen, wenn sie es verstünde. Aber sie dachte immer, ihre Beziehung sei glücklich. Nächsten Monat wären sie sechs Jahre zusammen gewesen. Er war ihre erste Liebe und sie hatte nicht ein einziges Mal das Gefühl gehabt, irgendetwas zu verpassen. Er hatte ihr alles gegeben, was sie brauchte und was sie wollte. Und war es umgekehrt denn nicht genauso? Anscheinend nicht! Sie war ihm nicht genug! Was hatte diese Andere, was sie nicht hatte? Und wie lange lief das schon?!

Sie wollte sterben. Was hatte denn das Leben für einen Sinn, wenn ohnehin alles Lüge war? Wenn man nicht einmal dem Menschen vertrauen kann, den man liebt? Wenn in einer Sekunde alles weg ist, woran man ein ganzes Leben lang geglaubt hatte? Sie hatte geglaubt, sie sei liebenswert und besonders – eben eine Frau, die geliebt und vergöttert, aber niemals betrogen wird. Oh, wie konnte sie bloß so naiv sein!

Wieso ist sie bloß in die Stadt gefahren? Ihre Freundin hatte doch noch angeboten, ihr das Buch aus der Bibliothek mitzubringen! Aber nein, sie musste ja unbedingt selber fahren, weil sie auch noch nach einem Geburtstagsgeschenk für ihren Freund schauen wollte. Freund. Sie hatte keinen mehr. Sie hatte nur noch einen Ex-Freund, aber der wird nicht mehr lange leben! Sie würde das Ungeheuer, das jetzt noch in ihr wütete, freilassen und auf ihn hetzen.

Sie war so in Gedanken, dass sie an ihrer Wohnanlage vorbeifuhr. Als sie es bemerkte, machte sie eine Vollbremsunng. Wie von weiter Ferne hörte sie quitschende Reifen und hupende Autos. Sie wendete, blickte flüchtig in zornige Gesichter, parkte vor der Wohnanlage, stieg aus und warf die Tür mit voller Wucht zu. Ohne abzuschließen rannte sie hinein, wartete nicht auf den Aufzug, sondern stieg, immer zwei Stufen nehmend die Treppe bis in den fünften Stock hinauf. Sie zitterte noch immer am ganzen Leib, sodass sie Schwierigkeiten hatte mit dem Schlüssel das Schlüsselloch zu treffen. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte sie es, warf die Tür hinter sich zu und ließ sich ins Bett fallen. Sie schluchzte, vergrub ihr Gesicht im Kissen und wünschte, zu ersticken. Dieser Schmerz war unerträglich! Was hatte sie bloß getan, dass sie solch Leid verdiente? Und warum hörte es nicht auf? Wann würde endlich die Erde mit ihr und all den anderen verlogenen Menschen untergehen?
Nach einigen Stunden schlief sie vor Erschöpfung ein.

Sie träumte von ihm. Und von ihr.
Die beiden haben den Kaffee nicht angerührt, stattdessen berühren sie sich gegenseitig immerzu. Dann nimmt er ihre Hand und sie gehen auf Toilette, er drückt sie gegen die Wand, schiebt den Saum ihres Rockes langsam hoch … Sie steht da und beobachtet alles. Die beiden bemerken sie, doch es macht ihnen nichts aus. Er ignoriert sie und diese Brünette lacht ihr über seine Schulter direkt ins Gesicht … Plötzlich hält sie ein Messer in der Hand. Sie fragt sich nicht, woher es kommt, sie umschließt den Griff fest mit ihren zarten Händen und …

Es klingelte. Sie rieb sich die Augen. Sie waren verquollen. Sie blickte auf ihre rechte Hand. Kein Messer … es war also nur ein Traum. War etwa alles nur ein Traum? Ein böser Traum? Nein, nicht alles. Die Bilder von den beiden standen ihr wieder lebhaft vor Augen … er … sie … vor dem Café …Es klingelte wieder. Sie rappelte sich mühsam auf, schlurfte zur Tür und öffnete sie.
„Hallo Schatz … ähm, wieso hast du Jacke und Schuhe an? Wolltest du noch weg?“
Er lächelte sie an.
Sie starrte ihn an.
„Hast du ein Gespenst gesehen? Ich bin es nur, dein Freund“, sagte er grinsend und ging an ihr vorbei in die Wohnung. Sie schloss die Tür langsam.
„Bist du krank? Du siehst ein wenig mitgenommen aus.“ Er warf seine Jacke aufs Bett und drehte sich wieder zu ihr um.
„Hm, ich glaube, du bist wirklich krank. So ungesprächig bist du sonst nicht“, sagte er, zog sie zu sich heran und nahm sie in den Arm. „Aber jetzt bin ich ja da. Ich pflege dich und alles wird gut!“
Sie drückte ihr Gesicht in seine Brust, Tränen mündeten in seinem Baumwollpullover.
„Ja“, murmelte sie, „alles wird gut.“
Wie konnte eine solch warme Umarmung lügen? Vielleicht hatte sie ja auf der Straße jemand anderes gesehen und alles war nur eine böse Verwechslung. Ja, so wird es gewesen sein …

Spiel mit mir!

Beschreiben wir das Leben durch die Metapher "Spiel", so stellen sich folgende Überlegungen an:

Wenn das Leben ein Spiel ist, stehen wir vor einer Entscheidung: Wollen wir
Spieler
oder Spielfiguren
sein? Wollen wir schieben oder geschoben werden? Wollen wir kontrollieren oder kontrolliert werden?
Kurzum: Wollen wir aktiv oder passiv am Spiel teilnehmen?
Wenn wir in die Rolle eines Spielers schlüpfen, müssen wir womöglich hinnehmen, dass die Würfel (des Zufalls) uns nicht wohlgesonnen sind und wir vielleicht mehr als nur eine Niederlage zu verkraften haben. Entscheiden wir uns für ein Dasein als Spielfigur, werden wir nie gewinnen, nie verlieren. Wir sind immer nur Teil von etwas Höherem ... Die großen Emotionen bleiben den Großen vorbehalten.

Was wollen wir? Spielen oder "gespielt werden"? In Kauf nehmen, zu verlieren oder hinnehmen, nie gewinnen zu können?

Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich sage, dass ich lieber 100 Mal verlieren will, wenn ich nur einmal siege.

In diesem Sinne: Wer "spielt" kann verlieren, wer nicht "spielt" kann nicht gewinnen.

Die Liebe nimmt so viel Platz ein im Leben. Erst wenn sie nicht mehr da ist, spürt man die Last der langen Minuten, die ohne sie verstreichen müssen; erst wenn wir sie verloren haben, sehen wir, was das Ziel all unseres Handelns, der Zauber all unserer Gedanken, der Herd all unserer Gefühle war; dann erst begreifen wir wirklich ihre wahren Wonnen, begreifen, dass wir, der geliebtesten Hälfte unserer selbst beraubt, durch die Leere unserer Seele irren und nur noch traurige, enttäuschte Blicke um uns werfen.

[Constance de Salm: 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau]

Die Unendlichkeit des Liebens

Es gibt keine Strategie, die uns vergessen lässt. Was einmal war, kann niemals nie gewesen sein.

Eine Trennung ist so schwer, weil plötzlich alles Gewesene keine Rolle mehr spielen darf. Alles ist gleichsam verwerflich, unerhört, zukunftsbehindernd.

Doch wie vergisst man ein Lächeln, ein Lachen, ein Funkeln in den Augen? Kann jemand, der einmal die Sonne sah, vergessen, wie sie schien, wie sie wärmte? Die Wärme, die sie nicht mehr gibt, lässt uns frieren, wie wir in keinem Winter gefroren haben. Die Bekanntschaft mit der Sonne bleibt unvergessen.

Wie alles andere auch, ist Liebe endlich, vergänglich, nicht von Dauer. Doch die geliebte Zeit - oder auch auch die Zeit, in der wir liebten - ist unendlich. Sie findet die Unendlichkeit nicht in einer sich sekündlich wandelnden Realität, sondern in unserer Erinnerung oder viel mehr noch in uns selbst. In unserer Person, in unserem Wesen. In dem, was wir Tag für Tag vermissen und in dem, was wir in jedem Menschen suchen, dessen Bekanntschaft wir machen.

Wir sind geprägt durch alles Vergangene und am meisten durch vergangene Liebe.

Götter und Welten

Es gibt Menschen, die glauben, ein Gott habe diese Welt erschaffen.
Ich glaube etwas ähnliches und doch vollkommen anderes.
Ich stelle mir das so vor: Wir sind alle Götter und ein jeder Gott erschafft sich seine eigene Welt. Und es gibt so viele Welten, wie es Individuen gibt. Wir erschaffen uns die Welt, die wir brauchen oder viel mehr noch erschaffen wir uns eine Welt, in der wir gebraucht werden. Denn ist nicht das der verborgene Sinn unseres Daseins: gebraucht werden?

Wenn das so ist, möge man einwenden, müsste jeder glücklich sein, weil er in einer Welt lebt, die er sich zurecht gebaut hat - nach seinen Bedürfnissen.
Wie wir wissen, sind aber nicht alle glücklich und das liegt daran, dass nicht jeder Gott zugleich ein guter Architekt ist. Manch ein Bauwerk, sprich eine Welt, ist eben zwar idealistisch gut durchdacht, realistisch aber nicht tragbar. Und so stürzt manches ein oder beginnt mit der Zeit doch zumindest zu bröckeln.

Es gibt eben so vieles zu bedenken, wenn man sich eine Welt baut, die sich unser Leben nennt.

Warum tun Menschen einander so weh?

Immer wieder?